Da gibt es noch was zu berichten von dem Workshop „Kritische Auseinandersetzung mit Textilien“……..

 


Video zur Wandelwoche des SOLIKON- Kongreß der Solidarischen Ökonomie 05. -09.09.2015

ist hier zu finden (ab 7:20 unten links gibt es Eindrücke vom Workshop und Atelier handgewebt in berlin) http://solikon2015.org/de/wandelwoche und hier


….. und ein Beitrag im WeddingWandler:

Anja Rillcke(Text und Fotos) schildert ihre eindrücke vom Workshop am 09. September 2015 von handgewebt in berlin zu Kritischen Auseinandersetzung mit Textilien (entnommen http://weddingwandler.de/spinnst-du-noch-oder-webst-du-schon-zu-gast-bei-handgewebt-in-berlin/)

Im Rahmen der Solikon „Wandelwoche“ hat Anja den Workshop „handgewebt in berlin“ besucht. Zusammen mit der Weberin Dagmar Rehse beschäftigten sich die Teilnehmer*innen mit globalen Lieferketten von Textilien, Altkleidern, deren Recycling oder Upcycling. Im Anschluss konnten sie selbst Hand anlegen und sich beim Stäbchenweben, am Tischwebstuhl oder am Webrahmen ausprobieren. Anjas Fazit: Zum Weben braucht es wache Augen, Muckis und viel Geduld. Lest selbst oder besser probiert es aus! Wie das geht, erfahrt Ihr im Text.

56.000 Kilometer hat eine Jeans im Schnitt zurückgelegt, bevor sie in unseren Kleiderschrank wandert¹: Von der Baumwollernte in Kasachstan oder Indien geht’s zum Spinnen in die Türkei, in Taiwan wird das Garn chemisch gefärbt, in Polen der Stoff gewoben, auf den Philippinen nähen Schneider*innen die Einzelteile zusammen, in Griechenland schrubbt man die neue Hose mit Bimsstein, um ihr den gewünschten Used Look zu verpassen.

Jeans auf Weltreise

perspektivwechsel (750x562)

Erst nach dieser Odyssee landet die Jeans im deutschen Kaufhaus. Wenn wir sie 2 bis 3 Jahre später in den Altkleidercontainer werfen und sie auf einem Markt in Ghana oder Togo verkauft wird, ist sie anderthalbmal um die Welt gereist. Die globale Arbeitsteilung und die verschwindend geringen Transportkosten machen unsere Klamotten zu wahren Globetrottern. Mit entsprechenden Folgen für die Umwelt und die an der Produktion beteiligten Arbeiter*innen.

Geiz ist geil?

Beim Workshop „handgewebt in berlin“ im Rahmen der Solikon „Wandelwoche“ ging es nicht nur um den Weg von der Faser bis zum Stoff, sondern auch um unser eigenes Konsumverhalten. Das hat sich in den letzten 20 Jahren gravierend verändert. Mit dem Preisverfall seit den 80er Jahren sank bei vielen die Wertschätzung für ihre sieben Sachen, während sich die Kleiderstapel weiter auftürmten.

gewinnanteile jeans (750x564)

Jeden Monat gesellen sich zwei bis drei neue Kleidungsstücke zu unserer Garderobe. Das ergibt statistisch gesehen über 100 Euro, die ein Privathaushalt hierzulande monatlich für Bekleidung und Schuhe ausgibt. Das ist viel Geld. Die Näherin in Bangladesh kann von Glück reden, wenn sie am Monatsende so viel Lohn in den Händen hält. In den Fabriken verdienen die Beschäftigten oft nur die Hälfte eines existenzsichernden Lohnes, arbeiten viele Stunden bis zur völligen Erschöpfung in gesundheitsgefährdender Umgebung. Am Ende liegt ihr Anteil am Verkaufspreis gerade mal bei einem Prozent.²

Unterernährte Textilarbeiter*innen

Leo Frühschütz berichtet in einem Artikel³ für das Naturkost-Magazin „Schrot und Korn“:

Die in der Asia Floor Wage Campaign zusammengeschlossenen Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen haben existenzsichernde Löhne für die Textilarbeiterinnen berechnet. In Bangladesh wären es 240 Euro, knapp das Vierfache des jetzigen Mindestlohns. Gleiches in Kambodscha: Existenzsichernd wären 290 Euro im Monat, der gesetzliche Mindestlohn beträgt 62 Euro. Das reicht nicht einmal fürs Essen.

Dabei würde es nur wenige Euro Preisaufschlag bedeuten, um faire Löhne für die Textilarbeiter*innen zu garantieren: So berechnete die Kampagne für Saubere Kleidung, dass alle mit einem T-Shirt verbundenen Arbeitslöhne 18 Cent ausmachten. Ein viermal höherer Lohn würde demnach mit 72 Cent zu Buche schlagen. Das wären gut 50 Cent mehr. Da die Aufschläge der Händler*innen und anfallende Steuern prozentual berechnet werden, müssten die Endverbraucher*innen zwei oder drei Euro mehr bezahlen. Das wäre ein Latte Macchiato weniger im Monat.

dagmar rehse im atelier handgewebt (750x563)
Alternativen

Initiativen, die sich vom Trend des verantwortungslosen Umgangs mir Ressourcen, von unverschämt geringen Lohnkosten und unwürdigen Arbeitsbedingungen verabschieden und stattdessen auf nachhaltige Produktion setzen, gibt es natürlich auch. Wir sprachen über die Spinnerei von Chantemerle, die jedes Jahr die Wolle von 10.000 Schafen lokaler Rassen zu Pullovern, Hemden, Decken und anderen Wollprodukten verarbeitet und verkauft. Die Energie erzeugt eine Turbine, die vom Flüsschen la Guisane angetrieben wird.

Das Berliner Schuh-Label Trippen setzt auf lokale Produktion und stellt die meisten seiner Schuhe in der eigenen Manufaktur in Zehdenick her. Hier gab es schon zu DDR-Zeiten eine Schuhproduktion. 1998 eröffnete Trippen mit vier Mitarbeiterinnen des ehemaligen VEB die erste Manufaktur. Mittlerweile arbeiten dort über 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wie die meisten Hersteller verarbeitet auch Trippen chromgegerbtes Rindsleder, das nicht nur Kontaktallergien auslösen kann, sondern oft für ökologische Schäden in den Produktionsländern verantwortlich gemacht wird. Eine Möglichkeit zu umweltschonendem Gerben bietet die Rhabarberpflanze. Das mit Extrakten aus der Wurzel gegerbte Leder ist absolut frei von Schadstoffen, Schwermetallen und Chromsalzen.

Das Berliner Label Kollateralschaden setzt auf Bio-Textilien und sozialverträgliche Produktion. Mode- & Textildesigner Philippe Werhahn hat das Upcycling-Label TingDing ins Leben gerufen. Im gemeinsam genutzten Atelier in Neukölln nimmt er gespendete, ausrangierte Kleidungsstücke entgegen und macht Neues daraus.

Noch ein Tipp zum Thema Altkleiderspende: Weil der Handel mit dem Klamotten-Überschuss aus Westeuropa sehr lukrativ ist, werden immer wieder illegal Sammelcontainer aufgestellt oder andere krumme Geschäfte damit gemacht. In diesem Blogbeitrag findet Ihr sinnvolle Wege, Eure Kleider zu spenden. Der Verband FairWertung bietet auf seiner Webseite die Möglichkeit, Standorte von Mitgliedsorganisationen abzufragen, die in der Nachbarschaft Abgabestellen oder Container aufgestellt haben.

Endlich Weben

Mit „handgewebt in berlin“ hat Dagmar Rehse ein Label ins Leben gerufen, das sich kreativ aber auch kritisch mit dem Thema Textilien und Kleidung beschäftigt. Seit 2013 fertigt die Textilgestalterin und ausgebildete Weberin in der Prinzenallee 58 Heimtextilien und Accessoires in wunderbar leuchtenden Farben: Kissen, Läufer und Geschirr-Handtücher aus Baumwolle, Leinen und Wolle.

Außerdem entstehen Teppiche aus alten Jeans oder Stoffabfällen und Matten aus recycelten Fahrradschläuchen. Ihre handgewebten Einzelstücke verkauft sie im Atelier, bei Märkten und Messen. Wenn sie nicht entwirft, gestaltet und webt, beschäftigt sie sich mit Textilketten, Materialeigenschaften und Arbeitsbedingungen in der Textil- und Kleidungsproduktion. Im Rahmen von Schnupperwebkursen und Einzelunterricht gibt sie ihr Wissen weiter.

Weben ist mehr als nur Handarbeit. Wer einmal wie Dagmar Rehse im Webstuhl sitzt, mit den Füßen nach unten tritt, mit den Händen das Schiffchen energisch durch die Fadengasse schickt, es wieder auffängt und mit der Lade von hinten nach vorn den Schussfaden anschlägt, der schuftet mit dem ganzen Körper. Und wenn dann auch noch die Füße – ohne Augenkontrolle – bis Vier oder gar Acht zählen müssen, dann bekomme ich schnell zu spüren, wie viel es da zu lernen gibt. Dabei gehe das eigentliche Weben relativ schnell von der Hand, sagt Dagmar Rehse.

Planung und Vorbereitung nehmen viel mehr Zeit in Anspruch. Eine Woche dauere es, bis die Fäden für 40 Meter Stoff aufgezogen sind. Dabei muss so vieles beachtet werden: Material, Dichte, Bindung, Farbe und Nachbehandlung fordern Entscheidungen, die nur unter großem Zeitaufwand wieder rückgängig gemacht werden. Wer das Ergebnis seiner Arbeit dann aber in Händen hält, wird es nicht bereuen, sich dafür Zeit genommen zu haben.

Endlich Weben

Mit „handgewebt in berlin“ hat Dagmar Rehse ein Label ins Leben gerufen, das sich kreativ aber auch kritisch mit dem Thema Textilien und Kleidung beschäftigt. Seit 2013 fertigt die Textilgestalterin und ausgebildete Weberin in der Prinzenallee 58 Heimtextilien und Accessoires in wunderbar leuchtenden Farben: Kissen, Läufer und Geschirr-Handtücher aus Baumwolle, Leinen und Wolle.

Ihr habt Lust, selbst mal zu weben? Dann besucht am Samstag (12.09.2015) oder Sonntag (13.09.2015) das offene Atelier von <handgewebt> mit Werkstattführung und Mitmachangeboten.

Zeit: 14 bis 18 Uhr.

Ort: Prinzenallee 58, erster Hof hinten links, Treppe runter.

Im Rahmen des Tags des offenen Denkmals bietet die ehemalige Hutfabrik Gattel in der Prinzenallee außerdem Führungen durch das geschichtsträchtige Haus.

  • Samstag 14:30 und 16:30, Treffpunkt: Hauscafé
  • Sonntag um 11:30, 13:30 (auch auf Englisch) und 16:30

Quellenangaben:

¹ http://www.globalisierung-online.de/CD_Demo/modul_jeans/

² http://www.praxis-umweltbildung.de/dwnl/kleidung/arbeitsauftrag_reise%20einer%20jeans.pdf

³ Leo Frühschütz: Wer näht mein Öko-Shirt? http://schrotundkorn.de/lebenumwelt/lesen/201405b02.html


Advertisements
Video | Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s